Im Garten

Mary saß im noch hellen und wärmenden Licht der Abendsonne im Garten hinter der Burg auf der Wiese. Die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen hatten sie nachdenklich werden lassen. Sie war sich nicht sicher, wie es nun weitergehen würde. Ihr Vater hatte sich immer noch nicht ganz erholt. Vermutlich würde es noch einige Zeit dauern, bis er wieder zu alter Form fand. Sollten sich die Andeutungen und Gerüchte bewahrheiten und es tatsächlich noch Hoffnung für ihre Mutter geben, würde das natürlich vieles einfacher machen, doch bis dahin machte es alles nur noch komplizierter. Sie wagte nicht zu hoffen, dass sie ihre Mutter noch einmal wiedersehen würde, nachdem sie nun schon so lange verschwunden war. Aber es wäre wichtig für ihren Vater, damit er aus seinem emotionalen Kerker ausbrechen konnte, der ihn seitdem gefangen hielt. Die Grafschaft brauchte seinen Herrn, jetzt dringender als jemals zuvor.

Sie ließ ihren Blick über die Wiese streifen und hielt nach einem roten Fleck Ausschau, der ihr den Aufenthaltsort von Tae’boz verraten würde. Der kleine Dämon war immer treu an ihrer Seite geblieben und hatte sich als sehr nützlich erwiesen. Sie verspürte bereits eine tiefe Freundschaft zu ihm, obwohl sie sich erst kurze Zeit kannten. Und immerhin stand sie in seiner Schuld, nachdem er sie aus ihrem Koma gerettet hatte.

Jetzt konnte sie ihn jedoch nirgends sehen und wurde unruhig. War vielleicht doch noch nicht alles vorbei?

Sie stand auf und sah sich weiter um. Nichts. Im Kontrast zur satt grünen Wiese, die im Sonnenlicht leuchtete, würde sich Tae’boz darauf abheben wie ein Tropfen Blut auf einem weißen Laken. Sie drehte sich einmal im Kreis. Als sie immer noch nichts fand, begann sie nervös zu werden und stand kurz davor, ihre Fähigkeiten zu nutzen, um auf andere Weise nach ihm zu suchen.

Dann jedoch lenkte sie ein leises Geräusch wie von flatternden Flügeln ab. Sie drehte sich abermals herum und bemerkte einen kleinen braunen Vogel, der sich auf dem Vogelbrunnen niedergelassen hatte, der in einigen Schritten Entfernung stand. Sie blinzelte gegen das Sonnenlicht an, das grell von der Wasseroberfläche zurückgeworfen wurde, und fand endlich, was sie gesucht hatte. Der kleine Vogel hatte nicht angefangen zu trinken, sondern starrte auf einen roten Fleck auf dem Wasser. Tae’boz trieb wie ein Laubblatt auf der Wasseroberfläche und hatte seine Hände über seinem Bauch verschränkt. Er beobachtete in diesem Moment seinerseits den Vogel. Dabei drehte ihn das Wasser so, dass er mit dem Kopf zuerst in seine Richtung trieb. Als er direkt unter dem Vogel war, berührte dessen Schnabel beinahe seine Nase und sie sahen sich gegenseitig an, als würde der Vogel sein Spiegelbild betrachten, dass jedoch auf dem Kopf stand. Keiner der beiden blinzelte auch nur. Tae’boz hob eine Hand und berührte ganz sachte mit der Fingerspitze seines Zeigefingers den Schnabel des Vogels an, sehr darauf bedacht, ihn nicht zu verletzen oder zu verängstigen. Mary bewunderte, wie einfühlsam der Dämon sein konnte, was eigentlich nicht in der Natur seiner Rasse lag – zumindest nicht, soweit sie sich damit auskannte.

In dem Moment, als er den Schnabel berührte, flatterte der Vogel sofort davon. In dem Durcheinander von Flügeln und aufgepeitschten Wasser geriet der Dämon aus der Balance, ruderte noch kurz mit den Armen, und versank im Wasser des Vogelbrunnens.

Mary begann laut zu lachen, was zusätzlich von einem schelmischen Grinsen des kleinen roten Clowns verstärkt wurde. Tae’boz stand pitschnass im Vogelbrunnen, der selbst ihm gerade einmal bis zur Hüfte reichte. In Marys Geist kitzelte es leicht, als sich ein Symbol formte, welches Tae’boz Zuneigung kundtat: Ein kleines Herzchen schwebte für einen Moment über seinem Kopf, bevor er aus dem Brunnen hüpfte und auf sie zugelaufen kam. Mit einem Satz, der ihn bis in ihre ausgestreckten Arme beförderte, die immerhin ein paar Mal so hoch waren, wie er groß war, fing er auch schon an zu plappern. Wie immer formten sich die Worte in ihrem Geist, obwohl sie über seinem Kopf schwebten. Wobei Mary wusste, dass auch das nicht stimmte und sie nicht mit Augen wahrgenommen wurden und deshalb auch dann zu sehen waren, wenn sie den kleinen selbst Sprecher nicht ansah. Eines der kleinen Wunder, für die es noch keine Erklärung gab. Zu fremd war die Art des Dämons sich mitzuteilen.

Tae’boz kuschelte sich in ihren Arm und grinste immer noch breit. Tae’boz ist nass gemacht …, einen Moment lang erschien ein nachdenklicher Ausdruck auf seinem Gesicht, bevor sein breites Grinsen wieder einsetze und er seinen typischsten Versprecher einmal mehr wiederholte … gewerdet!

Mary liebte beide von ganzem Herzen, das kleine rote Männchen und seine Verprecher.