Picknick
Jetzt befanden sie sich auf einer Lichtung mit keinen sichtbaren Zugängen. Die Bäume um sie herum erinnerten Mary eher an einen Dschungel als an einen der Wälder, die sie bisher gesehen hatte. Die Bäume waren sehr hoch und breit und schienen auch genau so alt zu sein. Um viele waren dünne, lange Pflanzen geschlungen, die sie bis zur Hälfte, manchmal aber auch fast bis unter die Kronen bedeckten. Das Blätterdach war so dicht, dass es am Rande der Lichtung trotz des hellen Tageslichts eine Wand aus Dunkelheit gab. Jedoch war die Lichtung sehr weitläufig und so wirke alles eher behütend als bedrohlich.
Weiches Gras, auf dem sie nun saßen, bedeckte den Boden. Nur vereinzelt wuchsen hier und da ein paar Blumen und unterbrachen das monotone Grün mit bunten Farbklecksen. Die meisten Gewächse schienen den Kühlen Schatten des Dschungels zu bevorzugen. Verständlich dachte Mary, als ihr bewusst war, dass die Sonne wirklich recht warm war und mit einer hohen Luftfeuchtigkeit ein tropisches Klima erzeugte. Eine sanfte Brise linderte die Wärme jedoch so weit, dass es sehr angenehm war.
Während der Graf sich erhob und den Inhalt ihres Picknickkorbes ausbreitete, sah sich Mary weiter um. Wie immer war ihr Tae’boz bereits zuvor gekommen und wuselte durch die Wiese, die ihm bis zu den Schultern reichte, auf die Baumgrenze zu. Die Stelle, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte, war am nächsten an ihrem Platz und sie konnte ihn ohne Probleme im Auge behalten. Auch wenn sie wusste, dass das keinesfalls nötig war – höchstens umgekehrt ab und an.
Tae’boz hatte sich für seine Erkundung eine Pflanze ausgesucht, die den Ranken an den Bäumen sehr ähnlich sah, jedoch gerade einmal doppelt so hoch war wie er selbst und somit auch Mary höchstens bis zur Hüfte reichen konnte, wenn sie vor ihr stünde. Tae’boz war manchmal von den banalsten Dingen fasziniert und Mary musste sich wiederholt daran erinnern, dass dies nicht seine Heimatwelt war. Vieles was für den kleinen Dämon neu war, war ihr schon seit ihren frühesten Kindertagen an vertraut. So erinnerte sie sich gerne daran, wie weit seine kleinen Knopfaugen geworden waren, als er das erste Mal die aufgehende Sonne erlebt hatte. Nur um sich direkt erneut zu wundern, als sie später wieder unterging und an ihre Stelle die beiden Monde traten. Doch Mary wusste auch nicht, wie es in der Heimat des kleinen Kerls aussehen mochte.
Tae’boz hatte derweilen das Objekt seiner Wahl erreicht und stand mit hängenden Armen davor. Sie war sich sicher, auch wenn er mit dem Rücken zu ihr stand, dass er gerade mit großen Augen daran emporsah. Sie fragte sich, was gerade in ihm vorging und ob ihn die Pflanze vielleicht an etwas erinnerte, dass er aus seiner Heimat kannte. Oder ob er einmal mehr etwas an ihr wahrnahm, was sie ihr verwehrt war. Bereits mehrmals hatten sie erlebt, dass Tae’boz Sinne nicht nur teilweise den ihren überlegen waren, sondern er auch über einige übernatürliche verfügte, die sie nicht verstehen konnten.
Und als wollte die beiden ihre Folgerung bestätigen, brachen am Waldrand plötzlich hektische Bewegungen und raschelnde Geräusche aus. Es waren nur ein paar Augenblicke und ein peitschendes Geräusch später, als Mary anfing laut zu lachen. Tae’boz hing kopfüber und vollständig eingewickelt von der Pflanze herab, die er noch wenige Augenblicke zuvor so aufmerksam studiert hatte. Offensichtlich hatte die Pflanze dasselbe getan und war zu dem Entschluss gekommen, dass sie den Dämon sicher später noch für irgendetwas gebrauchen konnte.
Der kleine Unglücksrabe machte einen weniger amüsierten Eindruck und sein überraschtes Gesicht wandelte sich schnell in ein schmollendes, was Mary nur noch lauter lachen lies. Sie wollte gerade zu ihm gehen, als ihr Vater sich von seinem Platz meldete. »Peitschkraut«, sagte er. »Daher hat es seinen Namen. Aber es ist harmlos. Es ernährt sich wie die meisten Pflanzen über seine Wurzeln aus dem Boden. Ich bin mir nicht sicher, was den Reflex auslöst oder was sein Zweck ist. Es scheint fast, als wenn diese Pflanze mehr wäre, als sie zu sein scheint. Dennoch konnte ich ihr Geheimnis bisher nicht aufdecken. Wenn ich mir das Interesse deines kleinen Begleiters so ansehe, scheint er da der gleichen Meinung zu sein.«
»Wobei ich zugeben muss, dass ich diese Eigenschaft auf die gleiche Weise herausgefunden habe. Nur, dass die Pflanze lediglich meinen Knöchel einwickeln konnte«, fügte er nach einem Moment mit einem Lächeln hinzu.
Dann jedoch geschah etwas, was sie beide erstaunte. Die Pflanze schien es sich anders überlegt zu haben und begann, Tae’boz langsam auszuwickeln. Viel erstaunlicher jedoch war, dass sie ihn nicht einfach fallen lies. Sie hielt eines der kleinen Fußgelenke des Dämons in ihrer Umklammerung und neigte sich tatsächlich gen Boden, um ihn abzusetzen.
»Ich nehme an, dass du damals anders wieder freigekommen bist«, sagte sie zu ihrem Vater. Dieser hatte die Szene mit einem überraschten Gesichtsausdruck ebenfalls beobachtet.
»Wie mir scheint, redet er sogar mit Dingen, von denen wir nicht einmal wissen, dass sie reden können. Und offensichtlich wusste er, was man zu einer Pflanze in einer solchen Situation sagt.« Er schüttelte den Kopf. »Erstaunlich«, fügte er hinzu. »Vielleicht ist doch mehr an dieser Pflanze, als ich geahnt habe.«
Der kleine Triumphator kam grinsend auf sie zugelaufen. Hatte sie auch anfangs über ihn gelacht, so hatte er sich am Ende doch zu behaupten gewusst.